aus: Bergische Sagen : heimatliche Erzählstoffe für die Unter- und Mittelstufe
von C[arl] Schieferdecker u. O[tto] Schillmann, Elberfeld : 1911

Der Wassernixen Zorn und Huld

Auf den Höhen zwischen Solingen, Leichlingen und Witzhelden stand vor mehr als hundert Jahren ein herrlicher Wald. Dicke Eichen breiteten ihre mächtigen Kronen aus. Dichtes Gestrüpp bedeckte den Waldboden. Hirsche, Rehe, Wildschweine hatten hier ihren Aufenthalt. Mitten im Walde entsprang eine Quelle. Die nannte man Heribertsborn[1] nach dem heiligen Heribert[2], Erzbischof von Cöln. Die Quelle bewässerte eine Wiese, die man den Jungferntanzplatz hieß; denn hier führten in Vollmondnächten drei schöne Jungfrauen kunstvolle Tänze auf, die sie mit lieblichem Gesänge begleiteten. Manche Wanderer haben die herrlichen Gestalten in ihren blendendweißen Kleidern gesehen und viel Wunderbares von ihnen erzählt.

An heißen Sommertagen badeten die drei Jungfrauen im Heribertsborn. Sie tauchten unter, plätscherten, neckten einander und spielten wie die Kinder. Ihre goldenen Haare kämmten sie mit goldenem Kamme. Waren sie vom Bade ermüdet, so lagerten sie auf weichem Moose unter den schattigen Eichen. Mit sanften Weisen sangen sie sich in den Schlummer. Ihre Gewänder pflegten sie während des Bades am Rande der Quelle niederzulegen. Man sagte, wer sie ihnen entwenden könnte, der erhielte viel Lösegeld, und zeitlebens würden die Jungfrauen ihm dienen.

Nun wohnte in dem benachbarten Leiensiepen[3] ein Ritter, der ein gar wüstes Leben führte. Alle Tage lud er sich viele gleichgesinnte Kameraden ein. Sie schmausten und tranken dann aufs beste und durchstreiften wie wilde Jäger den Wald. Bei solchem Leben hatte der Ritter bald sein Hab und Gut durchgebracht. Um neue Reichtümer zu erlangen, gedachte er, den Jungfrauen am Heribertsborn die Gewänder zu rauben.

Eines Mittags sah er von fern, wie die Jungfrauen aus dem Bade stiegen und sich zum Schlummer niederlegten. Leise schlich er sich in ihre Nähe. Schon hatte er seine Hand nach den Gewändern ausgestreckt, als ein lauter Angstruf durch den Wald ertönte. Eine junge Bauernfrau vom Oberbüscherhof Hatte sich im Dickicht verirrt. Sie kam in die Nähe des Brunnens, sah, wie der Ritter die Gewänder stehlen wollte und weckte durch ihren Schrei die schlafenden Jungfrauen. Diese sprangen er- ichreckt auf, tauchten in der Quelle unter und bespritzten den Frevler über und über mit Wasser. Von Stund' an war er blind und tappte nach den Bäumen, ob er wohl den Heimweg finden möchte. Die Bäuerin, die Mitleid mit ihm sühlte, führte ihn nach seinem Schlosse zurück. Nicht Weib und Kind hatte er, die ihn pflegten. Nur ungetreue Dienstleute umgaben ihn. Sie verschwendeten, was der Ritter noch besaß, gingen davon und ließen ihren blinden Herrn in bitterster Armut zurück. Da nahm sich die barmherzige Bäuerin des Unglücklichen an. Sie schickte ihm täglich Speise und Trank aufs Schloß, bis er starb. Doch auch nach dem Tode sollte er noch nicht Ruhe finden. Manche wollen ihn gesehen haben, wie er, vor dem Burgtore sitzend, Brei aus einem Topfe aß. (Brei nannte man in jener Gegend „Zopp".) Das Schloß zerfiel. Die Überreste führten noch lange den Namen „Zoppsmauer"[4].

Der Bäuerin aber waren die drei Waldjungfern hold. So oft sie in den Wald trat, flogen drei wunderschöne Vöglein vor ihr her. Sie zeigten der Frau den Weg und sangen die schönsten Weisen. Die Leute, die die Bäuerin begleiteten, hörten den Gesang, sahen aber die Tierlein nicht.

Eines Tages herrschte in dem Bauernhause große Freude. Kindtaufe sollte gefeiert werden, und schon stand der Kindtaufsschmaus bereit. Da traten plötzlich die drei Waldjungfern in die Kammer. Freundlich begrüßten sie die erschreckte Bäuerin. Sie nahmen das Kind aus der Wiege, zogen ihm ein feines Kleidchen an, das sie außer andern Geschenken mitgebracht hatten, und spielten mit dem Kleinen.

Jedesmal nun, wenn der Bauernfamilie ein Kind geschenkt wurde, erschienen die drei Jungfrauen zum Kindtaufsschmaus. Sie brachten Windeln und Kleidchen aus der allerfeinsten Leinwand mit. Die Kindlein blieben darin von Krankheiten verschont, und Wunden, die man mit dieser Leinwand bedeckte, heilten. — Auch andere Geschenke wundersamer Art erhielten die Kinder. Ein Knabe bekam eine Flöte, die erklang so lieblich, daß alle Waldvögelein herbeiflogen und sich wie zahme Tierchen fangen ließen. Ein anderer Knabe erhielt einen Bogen, mit dem er das schnellste Reh erlegen konnte. Dem dritten schenkten sie ein Netz, in das die Fische von selbst hineingingen, sobald er es in die Wupper legte. Das älteste Mädchen befaß ein Spinnrad, das sich von selber drehte und die feinsten Fäden spann. Dem zweiten Mädchen schenkten die freundlichen Jungfrauen einen Webstuhl, auf dem sie kunstvoll gemusterte Stoffe anfertigen konnte. Dem jüngsten Töchterchen, das zur schönsten Jungfrau an der ganzen Wupper erblühte, hatten sie einen silbernen Spiegel gebracht. In diesem konnte man alles sehen, was die Leute dachten.

Wenn die Wassernixen das Bauernhaus verließen, segneten sie die Kindlein und sagten dabei allerlei Sprüchlein, die die Bäuerin nicht verstand. Auch machten sie die Mutter auf mancherlei aufmerksam, das sie die Kleinen lehren konnte. „Niemals", so ermahnten sie, „sollen die Kinder einen Hollunder oder einen Fliederbaum beschädigen. Ein Messer muß nie so auf dem Tisch liegen, daß die Schneide nach oben zeigt. Aus der Waldquelle sollen sie gebückt trinken. Nach dem bunten Bogen, der bisweilen am Himmel zu sehen ist, darf kein Kind mit dem Finger zeigen und ihn nicht Regenbogen, sondern Himmelsring nennen. Wenn es donnert, soll keins sagen „der Herrgott zürnet", sondern „der Herr waltet". Doch als das siebente Kind geboren wurde, blieben die Jungfrauen aus. Es war ein hätzlicher, ungestalteter Knabe. Alle nannten ihn „das Unglückskind".

Die Landwirtschaft gedieh auf dem Oberbüscherhof[5] in wunderbarer Weise. Jede Arbeit, die man am Tage begonnen, wurde, während alles schlief, vollendet. Hatte der Bauer am Tage angefangen, das Korn zu schneiden, so sah man am andern Morgen das ganze Getreide in Reihen abgemäht liegen. Bei der Kartoffelernte brauchte der Bauer nur die erste Furche auszunehmen, so standen tags darauf die Kartoffeln des ganzen Ackers in zahlreichen Säcken da. Jedes Körnlein, das der Bauer säte, ging auf und trug vielfältige Frucht. Das Korn auf dem Speicher nahm nicht ab, die Vorräte im Keller wurden niemals alle, wie viel auch die Bauersleute verkauften oder verschenkten.

Die größte Freude erlebten sie an ihren Kindern. Diese gediehen prächtig und wuchsen zu tüchtigen Jünglingen und schöne Jungfrauen heran. Die Söhne wurden zu Edelleuten erhoben, und die Töchter heirateten adelige Männer und wohnten in prächtigen Schlössern. Nur die jüngste, die in ihrem Spieglein alles sehen konnte, was die Menschen dachten, nahm keinen Mann. Sie wurde Äbtissin in einem Kloster.

Die Bäuerin, die wohl wußte, woher all der Segen kam, erwies den unsichtbaren Helfern viel Gutes. Sie besaß eine Menge Töpflein und Näpflein. Die füllte sie mit den besten Speisen und stellte sie am Abend und am Morgen in der Scheune, auf dem Speicher und auf dem Felde auf. Sie legte kleine Messer, Gabeln und Lössel neben die Schüsselchen. So oft sie die Näpflein leer fand, wusch sie dieselben aufs sorgfältigste und füllte sie aufs neue mit köstlichem Obst, mit Milch oder Honig.

So verging Jahr um Jahr, und die Bauersleute vom Oberbüscherhofe lebten in Freude und Überfluß bis an ihr Ende. Da erhielt der jüngste Sohn die Landwirtschaft. Dieser aber zürnte den Waldjungfrauen, weil sie ihn nicht wie seine Geschwister mit allerlei Gaben beschenkt hatten. Er zerschlug die Näpfchen und Töpfchen, in denen seine Mutter den unsichtbaren Geistern Nahrung dargebracht hatte. „Katzen, Vögel und Mäuse", sagte er, „haben die Speisen immer weggefressen. Niemand soll diese unnützen Tiere hinfort füttern." Die Strafe für die Nichtachtung blieb nicht aus. Der junge Bauer arbeitete von früh bis spät. Der Acker aber trug wenig Frucht. Mäuse, Schnecken, Engerlinge nahmen überhand und vernichteten oft die ganze Ernte. Das Vieh in den Ställen wurde von Krankheiten dahingerafft. Speicher und Keller leerten sich. Wo früher Wohlstand geherrscht, trat Armut ein. Zuletzt mußte der junge Bauer als Bettelmann den Oberbüscherhof verlassen.


linker Hand der steile Wald zwischen Leyensiefen und Oberbüscherhof


[1] Heribertsborn: sicher eine Quelle des St. Heriberter Bach, wie er auch heute noch heisst
[2] der heilige Heribert, Erzbischof von Köln
[3] Hofschaft Leysiefen
[4] Motte Zoppesmur oder auch Zobbesmur
[5] auch heute noch Oberbüscherhof

Die Punkte auf der Karte und die anderen möglichen Quellen (und Tanzplätze) des St. Heriberter Baches können in einer umfassenden Runderwanderung von 12,4km erkundet werden (ca. 4 Std). Parkmöglichkeiten Solingen Fähr/Unterrüden (von Norden) oder Leichlingen Oberbüscherhof (von Süden).

Permalink:
http://www.bloz.de/bergische_sagen_der_wassernixen_zorn_und_huld.html

Quelle:
GEI-Digital, http://gei-digital.gei.de/viewer/!metadata/PPN734338554/3/-/
Lizenz: Public Domain

Dokument veröffentlicht: 14.04.2014
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